Heute blieb die Kamera zu Hause, ich wollte mich in Ruhe auf die Junx konzentrieren können. Die Fahrt war von Sonnennebel durchtränkt. Wusste ich auch nicht, dass es das gibt - gleißende Sonne und Nebelschwaden, mal abwechselnd, mal gleichzeitig. Sehr malerisch, aber nix für alternde Autofahrerinnen.
Die Begrüßung der Junx war überwältigend: ein kurzer Blick - ach die - und die Lippen wieder in's Müsli versenkt. Appetit haben sie, wobei Stephan sein Müsli nicht auffrisst, er widmet sich schnell dem Heu und Wasser. Möglichst alles auf einmal. Paulchen entdeckt die Karotten und gibt sich sogar Mühe, abzubeißen.
Und wieder staune ich, wie sie sich mausern. Ihr Fell passt sich den Winterbärchen auf der Koppel an und da bilden sich Muskeln an den richtigen Stellen. Inzwischen stehen die beiden nebeneinander, was im Paddock gelegentlich ein Quietschkonzert auslöst.
Stephan wird auf einen großen Paddock mit Elektrozaun gestellt. Dieser ist ihm überhaupt nicht geheuer. Erst will er nicht reingehen, dann steht er auf mindestens zwei Meter Entfernung und beäugt misstrauisch diese breiten, leise tickenden Pling-Bänder. Ich auch. War ich doch kürzlich so vertieft in die wunderbare Anatomie von Assam, dass mein Kinn immer tiefer sank und *pling* ich eine gewischt bekam. So stehen wir uns in ca 4 Meter Entfernung gegenüber, Stephan mit dem Blick 'Was soll ich hier?' und ich voller Bewunderung. Der Junge ist bildhübsch, wenn er so Haltung einnimmt.
Jetzt wird Paulchen longiert. Mit lautem Wiehern begrüßt er die leere Halle und will gleich loslegen. Haaalt. Ja, mit Halt haben wir es noch nicht so. Erst die Bande überzeugt ihn davon, mal anzuhalten und seinen Lehrer zur Kenntnis zu nehmen. Konzentriert und brav läuft er in zunächst kleinen, ganz langsam größer werdenden Kreisen im Schritt. Mönsch, bin ich beeindruckt, wie er dann auf das erste Wort antrabt. Begeistert dreht er seine Runden, vor den Cavaletti, über die Cavaletti, um die Cavaletti.
Sein Vater war übrigens einmal Zweiter auf einem internationalen Distanzrennen von Wien nach Budapest - 300km in 3 Tagen. Das fällt mir ein, als ich ihn so traben sehe - sein Kopf immer nach außen gerichtet - wo geht's hier nach Budapest?
Galopp macht ihm nicht so Spaß, da braucht es schon ein paar Aufforderungen mehr. Gelegentlich, selten, startet er im Kreuzgalopp, lässt sich aber sofort wieder in den Trab stoppen. Nur von Trab in Schritt - also da hören wir mindestens zwei Runden mal nicht hin. Wenn wir uns dann endlich abbremsen lassen, gehen wir zwei Schritte im Schritt, bleiben stehen und wenden. Probieren können wir es ja mal. Aber der Lehrer bleibt ebenso hartknäckig - also traben wir wieder in die vorgegebene Richtung.
Nachdem die beiden klargestellt haben, dass der Lehrer und nicht Paulchen bestimmt, wann die Hand gewechselt wird, geht es endlich mal anders herum. Und siehe da - das ist Paulchens Hand. Der Kopf liegt nicht mehr auf der Außenleitplanke, jetzt sieht er die Cavaletti früher und weiß, wo es geradeaus geht. Einmal hat er sie auf der anderen Hand so schief genommen, dass er sich das Vorderbein angeschlagen hat. Was seinen flotten Trab aber nicht verlangsamt hat.
Obwohl er langsamt anfängt zu schwitzen, bedarf eine Runde im Schritt noch einiger Diskussion. Und natürlich wird jedes Wiehern von Stephan, der immer noch verdattert im Paddock steht und um Hilfe gegen dieses Tickerband ruft, zum Anlass genommen, eine kleine Wendung zu machen.
Als Paulchen nach getaner Arbeit zum Paddock gebracht wird, wird er sichtlich unruhig. Auch Stephan wird etwas zappelig und beeilt sich, an Paulchen vorbei in Richtung Halle zu kommen. Vor der Halle macht er kurz wieder das Eselchen - Ihr könnt soviel ziehen und schieben, ich will da nicht rein. Überrascht, dass weder gezogen noch geschoben wird, lässt er sich dann doch davon überzeugen, wieder vorwärts zu gehen.
Und auch Stephan beginnt gleich mal mit Trab. Allerdings weniger aus überschüssiger Energie, er rennt eher aus Nervosität. Immer wenn er auf mich zukommt, wird sein Schritt langsam, sobald er vorbei ist, trabt er los.
Im Schritt höre ich immer wieder ein Klickern. Sein Hinterhuf schlägt gegen den Vorderhuf. Hmpf, wie das wohl war, als er 15 Jahre lang keine Hufpflege hatte? Untertreten kann er auf jeden Fall. Oder hieß das Übertreten? Wer hat nur diese Pferdesprache erfunden? *stöhn*
Zwar galoppiert er auf's Wort an, verfällt aber viel öfter in Kreuzgalopp als Paulchen. Wenn man bedenkt, dass Paulchen vermutlich noch nie, Stephan das letzte Mal vor mindesten 15 Jahren longiert wurde, sind beide ganz tolle Musterschüler. Und wehe, jemand verrät ihnen, wieviel heutzutage in Menschen-Grundschulen debattiert statt gelernt wird ;-)
Wieder in seiner Box schmollt Stephan ein bisschen - musste diese Arbeit wirklich sein? Paulchen tigert im Paddock. 7 Schritte nach links, Kopf runter, Drehung, 7 Schritte nach rechts, Kopf runter, Drehung... Ich habe mitgezählt - nicht mal eine Karotte bringt ihn aus dem Rythmus.
Während Stephan longiert wird und Paulchen tigert, geht im Stall die Post ab. Eine Stute war durchgeführt worden. Jetzt ist sie weg, aber der Herr Platzhirsch quietscht und stampft, dass Stephan in der Halle vor Schreck immer wieder antrabt. Und der gigantische Junghengst explodiert fast vor Unruhe, gleich krabbelt er noch die Wände hoch.
Drei Frauen betrachten besorgt bis beängstigt diese Riesendynamik. Da kommt Herr Lehrer und öffnet seelenruhig die Boxentür. Nicht nur ich suche heimlich den Misthaufen, in den ich mich eventuell retten könnte. Aber nichts passiert - die beiden stellen sich in eine Ecke, ich höre Murmeln, zwei Minuten später kommt der Hengst brav aus der Box marschiert. Während er sich in der Halle austobt, geht Herr Lehrer zum Platzhirsch, der immer noch empört quietscht und stampft. Er öffnet die Türe zum Paddock, beide Pferde näseln. Platzhirsch - der größere und kräftigere - warnt und stampft und quietscht und droht. Aber der freche Kleine hört nicht auf, ihn zu provozieren. Als es bei Platzhirsch auf eins vor Tobsuchtsanfall steht, geht Herr Lehrer dazwischen und schlägt in ruhigem Ton vor, dass die Herren sich wieder in die Box begeben. Was beide sofort machen. *staun*
Inzwischen bin ich bis auf die Knochen durchgefroren - mein Wärmekissen ist in einer leeren Box eingesperrt, weil er sonst den Unterricht gerne mit Bellen unterstützt. Das kann zu Kommunikations- und Konzentrationsstörungen führen.
Das war's für heute, Stephan nimmt doch tatsächlich zum Abschied eine Karotte an.
Ich habe mangels netter Gesellschaft zum ersten Mal seit ?!? Jahren bei McDonalds gegessen. Jahre genug um zu vergessen, wie klebrig sich das gestaltet und dass dort nur Kaltwasser auf den Toiletten vorhanden ist. Jetzt kann ich mich selbst nicht mehr riechen - hoffentlich ist das weg, bis wir das nächste Mal die Junx besuchen.
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1 Kommentar:
Habe mich schier weg geschmissen. Danke für die schöne Abendlektüre!
Schmatzer an Euch 4, Tanja
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