Wie üblich ignorieren wir die Alarmzeichen, bis dann Abends nichts mehr geht. Außer Sofa und Wärmeflasche. Das war Mittwoch. Zum Trost ein Telefonat mit dem behandelnden Arzt der Junx. Paulchen hat sich beruhigt und der OP-Bericht ist positiv. Bei Paulchen hatte ein Hoden in der Leiste gesteckt. Da es dort für Hoden zu warm ist, kann es zu Wucherungen kommen. Zum Glück war der von Paulchen verkleinert.
Samstag war Lara verplant und hätte wohl kaum zugelassen, dass ich alleine fahre. Sonntag hat den Vorteil, dass keine LKWs auf der Autobahn sind. Und Laras Freundin, eine Reiterin, kann mitkommen. Auf der Fahrt lernen wir französisches Geographie-Vokabular - was ist der Unterschied zwischen Wirbelsturm, Tornado und Orkan? Wir wissen es nicht mal auf Deutsch. Aber sollten die Kids mal auf der französischen Autobahn reisen, werden sie die Verkehrsnachrichten verstehen. Es macht schon einen Unterschied, ob in der nächsten Kurve Glatteis, Graupelschauer oder Platzregen droht.
Aber nun zu den Junx. Als wir ankommen, stehen da - wie letztes Mal - drei Braune in den Paddocks. Unsere beiden erkannte man an den Rippen, den Blähbäuchen und dem stumpfen Fell. Gestern müssen wir zwei Mal hinsehen - sind sie das wirklich? Und wo ist das tigernde Paulchen geblieben?

Steht relaxed und neugierig in seinem Paddock.

Stephan ist drinnen und sucht nach dem letzten Krümelchen Futter. Inzwischen mag er auch wieder das Müsli - nach der OP hatte er es liegen lassen. Auch er wird von den Mädels ausgiebig begrüßt, aber es wird schnell deutlich, dass er inzwischen der Zurückhaltendere ist. Als Lara mit dem Halter zu ihm in die Box geht, marschiert er in den Paddock und dreht ihr den Rücken zu. Sie setzt sich mit etwas Müsli in der Hand an die Tür und spricht mit ihm. Es dauert nicht lange, und er frisst ihr aus der Hand. Sie steht langsam auf, streichelt ihn. Sobald sie das Halfter hebt, dreht er ihr wieder den Rücken zu. Von außen kommt der Doktor vorbei, klettert in den Paddock, umarmt Stephan und wups, ist das Halfter dran. Stephan steht das 'Huch' in's Gesicht geschrieben. Die Chefin (Frau des Doktors, wird im Stall 'Chefin' genannt) führt Stephan zum Eingang der Halle, der liegt genau gegenüber von Stephans Box. Im Gang bleibt Stephan stehen wie angewurzelt und starrt uns an. Die Chefin ruft Lara, und was dann passiert, ging so schnell, dass ich es jetzt noch nicht verstehe. Lara geht zu Stephan und kaum steht sie neben ihm, marschiert er begeistert in die Halle. Dort lässt er sich brav führen, hält auf's Wort an und bleibt wie angegossen stehen. Auch die Cavaletti nimmt er wie ein Profi.

Sorry für die unscharfen Bilder, aber sie zeigen hoffentlich, wie aufmerksam er ist.

Jetzt führt Lara ihn, ein Photo kann ich machen.

Dann ist Ende mit Photographieren. Während Lara und Stephan mehrere Runden über die Kavaletti steigen, höre ich Paulchen wiehern. Sein Kopf hängt Richtung Reithalle zum Boxenfenster raus, gleich steigt er hinterher. Nein, er fängt wieder an zu tigern. Und boing - haut sich in der Hektik den Kopf an. Im Gegensatz zum letzten Besuch ist er ansprechbar - ich klopfe ihm den Hals und er beruhigt sich ein bisschen. Schaut mich an nach dem Motto: 'ich will auch in die Halle'. Aber er ist bestechlich - Müsli interessiert ihn noch mehr als Stephan ;-)
Bevor Stephan in die Box zurück darf, bekommt er zur Belohnung eine Hand voll Müsli angeboten. Die er nicht annimmt. War ja auch meine Hand. Er marschiert mit Lara in die Box zurück, dreht uns dort den Rücken zu und mümmelt wieder nach Heu.
Das Aufhalftern bei Paulchen ist kein Problem - er steht da, als ob er nur darauf gewartet hätte. Ihm merkt man an, dass sie die letzte Woche nicht rennen durften. Sein Schritt ist deutlich energischer als Stephans, er schaut sich viel um und hat Schwierigkeiten, sich auf die Anordnungen zu konzentrieren.

Als Paulchen das erste Mal die Cavaletti sah, hat er sich vor Schreck beinahe hingesetzt. Dann sprang er tapfer mit Riesensprung darüber. Inzwischen nimmt er sie mit Gelassenheit, sie helfen ihm, sich zu konzentrieren.


Konzentration, die beim Anhalten fehlt, lässt gelegentlich das Hinterteil überholen. Der Weg von Hirn zu Hinterbeinen ist halt länger:
Was, schon wieder anhalten? Ich guck doch viel lieber...
... zu den Mädels da drüben. Ups - jetzt hat der Popo schon wieder überholt...

Wie - schon vorbei?

Hach, also doch noch mal...

Achso - sie wollte nur durch meinen Paddock raus...

Stephan ist auch wieder aus der Schmollecke gekrabbelt und hat eine Handvoll Müsli angenommen. Von Lara natürlich.

Tschüss Stephan.

Tschüss Paulchen.

Leider komme ich bei den Besuchen nur zum Knipsen, so dass die Bilder kaum dokumentieren, wieviel besser die Junx inzwischen aussehen. Keine sichtbaren Rippen, Stephan hat überhaupt keinen Blähbauch mehr, bei Paulchen bin ich mir nicht sicher, ob er inzwischen einen Freßbauch bekommt ;-) Das Fell fängt an zu glänzen.
Stephan ist der Ruhigere und Sensiblere im Umgang mit Menschen. Er braucht Zeit, dann wird er neugierig und verschmust. Aber auf die Schnelle - neee, das mag er nicht. Übrigens wurde er schon longiert und hat offensichtlich nach 15 Jahren Pause nicht vergessen, wie es geht.
Paulchen ist inzwischen alles andere als zurückhaltend. Er beweist (mal wieder), wieviel Energie und Lebenslust wiederkommen, sobald die Zähne gerichtet sind und Haltung und Futter stimmen.
Diese Woche werden die Junx in der Halle laufen dürfen und den Elektrozaun kennenlernen. Nächste Woche werden sie nebeneinander in den Paddock gestellt.
Als Paulchen in die Box zurückgebracht wurde, habe ich Stephan genau beobachtet. Angesichts Paulchens Energie war ich mir nicht sicher, ob die Sehnsucht nacheinander etwas einseitig ist. Stephan mümmelte mit zugedrehtem Rücken nach nicht vorhandenem Heu. Als die Hufe über den Gang klappern, dreht er sich schnell zur Ecke und ein leises hühü. Er schaut mich an, dann wieder leise hühü... Dann dreht sich Paulchen drüben zu ihm und Stephan schmettert ein lautes Hallo. Die Junx können richtig wiehern :-))
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