Wir können es noch nicht fassen, deshalb waren alle Kameras betriebsunfähig und ich habe ohne Tasse einen Kaffee aus der Maschine gejagt. Gestern, und das ist kein April-Scherz, kam Fandango bei uns an.
Er gehört jetzt zur Familie und wird hoffentlich unseren Junx zeigen, dass diese Welt nicht so ungeheuerlich ist, wie sie es leider erleben mussten. Eigentlich sind wir nur Fandangos Treuhänder, denn heute mittag schon kam der Anruf seines Ziehvaters mit neuen Anweisungen. Und das ist gut so. Wer kann es besser wissen als er? Übrigens ist er auch der späte, aber eindeutige Ziehvater unserer Junx und auch bei Ihnen stehen schon die Anweisungen. Das gibt uns Sicherheit. Zusammen mit der zukünftigen Mentorin ist das Team perfekt.
Aber zurück zu Fandango. Leider gab es ein Missverständnis und seine Zähne wurden gestern vormittag noch gerichtet. Er kam nachmittags im neuen Stall an, wurde geritten und im Freilauf von einer Menge neuem Publikum betrachtet.
Das alles absolvierte er mit Bravour. Schüchtern ist er nicht, im Freilauf wurde er kurz richtig showy - die Hufe schienen den Boden nicht mehr zu berühren. In der Box hat er sofort gefressen und fing später mit seinem Nachbarn kleine Rangeleien an. Dann kann er hengstig werden - es wurde gestiegen, gequietscht und gestampft. Wir Menschen waren ein klein wenig beunruhigt. Als später der Nachbar in die Halle ging, wieherte Fandango sich die Seele aus dem Leib.
Mit einem Problem hat der Ziehvater uns alleine gelassen. Zwischen Box und Paddock befinden sich fünf durchsichtige, dicke Plastikstreifen. Das kennt Fandango nicht. Wir haben die Streifen an die Seite geklemmt, da konnte er ungehemmt mit seinem Nachbarn rein und raus marschieren. Heute morgen hatte der Wind drei Streifen wieder in die Türe geweht. Fandango traute sich nicht heraus. Ich habe die Box neben ihm ausgegraben und alles beobachtet. Die meiste Zeit dösten sie Seite an Seite und der Kumpel des Nachbarn in der nächsten Box trauerte.
Zunächst dachte ich, seine Zuneigung zu seinem Nachbarn wird die Plastikstreifen schon richten. Aber dieser Nachbar war keine große Hilfe. Er ging zwar raus, doch wandte sich immer dem aus der Tür hängenden Kopf von Fandango zu und sie busselten. Hmpf.
Dann kam der Nachbar in die Führmaschine. Fandango war aufgelöst - jetzt konnte er nicht mal mehr in den Paddock rennen und suchen. Sein Futter ließ er liegen. Die Mentorin nahm in die Halle und ließ ihn laufen. Meine heutige Lektion: wenn Pferde aufgeregt sind, verschaffe ihnen Bewegung.
Gestern noch war sie von einem kleinen Plastikhocker auf ihn gestiegen - heute im Freilauf entdeckte er irgendwann diesen Hocker in der Halle und erklärte ihn für gefährlich. Köstlich, wie er immer näher daran vorbeitrabte oder sich gelangweilt im Schritt näherte, um kurz davon eine Pirouette durch die Luft zu drehen.
Nach dem Freilauf war der Nachbar wieder da und Fandango widmete sich relaxed seinem Essen. Ab und zu kam er zu mir (in der Nebenbox) und beschnupperte mich durch die Gitter. Abends fuhr der Futterwagen in den Stall und die Pferde klopften gegen die Türe oder buckelten und schlugen aus. Fandango ist nicht blöde - wenn das hier angesagt ist, macht er mit. Ich gebe zu, die Eleganz, mit der er seinen Vorderhuf schlug, qualifizierte ihn für die Spanische Hofreitschule. Aber wir sind hier nicht in Wien. Ich stellte mich vor das Gitter, rief ihn und sagte leise: "Schluss." Er kam und schaute mich fragend an. Ich erklärte ihm, dass sein Müsli gleich kommen wird, auch wenn er nicht klopft. So richtig überzeugt war er nicht, aber kein Klopfen mehr. Und das Futter kam.
Abends kam die Besitzerin des Nachbarn. Als Fandango den Sattel auf dessen Rücken sieht, beginnt er zu protestieren. Als Nachbar in der Halle geritten wird, überlege ich mir, Fandango in Caruso umzubenennen.
Stattdessen erkundige ich mich, was man mit diesen Plastikstreifen machen kann. Erster Vorschlag: ein Seil drumbinden und innen an die Stallgitter. Mittags beim Box-Putzen hatte Fandango genau beobachtet, wie ich durch die Plastikstreifen laufe. Ich spiele den Kasper, strecke den Kopf durch, schiebe die Dinger zur Seite, laufe ganz langsam durch und lasse sie zurückklatschen. Alles in der Box neben ihm - er ist fasziniert. Mal schaut er von innen zu, dann streckt er den Kopf raus und lukt um die Ecke.
Als ich das Seil umbinde, ist er von seinem Liebeskummer befreit. Er weiß nicht genau, ob er erschrecken soll oder die Geschichte genauer untersuchen. Um ihn nicht auch noch mit mir zu belästigen, stehe ich in der Box des vermissten Nachbarn und ziehe ganz langsam die zusammengebundenen Streifen hoch. Zuerst schnuppert Fandango an mir, dann an der Schnur. Das macht er ausgiebig und lange. Dann schaut er skeptisch durch die Türe, aber wagt den Sprung lieber nicht. Ich überlege, dass es vielleicht besser ist, die Schnur außen festzubinden und lasse die Plastikstreifen wieder sinken. Fandango geht einen Schritt vor und schaut mich an. Ich lasse die Schnur wie sie ist und jetzt marschiert er durch. Obwohl er vorher viel mehr Platz hatte.
Damit ich jetzt das Arrangement nicht ändere, kommt er auch gleich wieder rein. So geht das vier Runden, bis ich das Zeugs vorerst genau so anbinde, wie wir es gerade haben. Mir gefällt die Schnur in der Box nicht, auch wenn Fandango begeistert ist.
Eine andere Kollegin im Stall hat eine bessere Idee. Wir binden das Zeugs ab und klemmen die Streifen innen zwischen Fenster und Trenngitter. Aus der Schnur flicht sie ein elegantes Band, das wir außen anbrigen, um Fandangos Halfter aufhängen zu können.
So klappt das jetzt und wenn Samstag die Junx kommen, wird der fehlende Nachbar hoffentlich auch verkraftbar.
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